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Interview: San Proper

In der Amsterdamer Musikszene führt kein Weg an ihm vorbei. Er ist eine Persönlichkeit die einmalig, wie einzigartig ist und sich mit Leib und Seele der Musik verschrieben hat. Er gehört zum engeren Kreis um den Plattenladen und das Recordlabel Rush Hour. San Proper. Du kennst ihn vielleicht und wenn nicht dann wirst du ihn nach diesem Interview kennen!


Mr. San Proper

San Proper: Professor San Proper, S A N (er buchstabiert PROPER noch auf Holländisch). Mein DJ-Name ist San Proper (er buchstabiert sein Namen nochmals), mein bürgerlicher Name ist der gleiche, geboren und aufgewachsen damit.

Schön dich kennenzulernen San! Wir sind gerade in Amsterdam und haben uns erst vor ein paar Minuten kennengelernt, das wird jetzt sehr spontan werden..

San Proper: Genau, wir sind im Raucherbereich des Volks Hotel, in der nähe der Bar und der Rezeption, so wie wir es mögen.

Volkshotel

Ja das ist wirklich gut!

San Proper: Für den Fall, dass du Aus- oder Einchecken, oder Anrauchen oder Ausrauchen, oder Antrinken oder Runtertrinken möchtest, wuuhuu ja man!

Okay ...

San Proper: Mein Name ist Dr. Professor San Proper, noch mal, Professor San Proper, House DJ, doch meine Wurzeln liegen beim Blues, Rock Steady, Dubwise, Reggea Musik, Hip Hop, Funk, Soul und natürlich bei Rock ‚N’ Roll, Techno und Elektro. House Musik Baby!

Wunderbar! Erzähl mir bisschen mehr von dir, deinem Leben und wie du zur Musik gekommen bist?

San Proper: Yeah yeah yeah, lass mich das so kurz und knapp erzählen wie möglich. Ich spiele Gitarre seit ich 8 oder 9 Jahre alt bin. Mein Bruder war ein grosser Plattensammler, sodass ich auch dazu kam. Die ersten Platten, die ich besass, habe ich aus seiner Sammlung gestohlen.. dabei waren Peter Tosh, Mama Africa und ein paar Tapes mit Sam Cook, Otis Redding, den Rolling Stones, Lou Reid, Transformer und den Stranglers darauf. Tatsächlich habe ich jede Picture Disc, jedes Album, jede 12“ von den Stranglers.

Ich war viele Jahre ziemlich gefesselt von Black Music, und du musst wissen, wenn ich von Black Music spreche, dann rede ich von den Coasters, Howlin’ Wolf, du verstehst.. R’n’B aus den Anfängen. Blues aus der Delta Ära. Ich spreche auch von Straight Up Disco, P-Funk. Ich spreche von Hip-Hop wie von Schoolly D. Musik von überallher und das ist auch, wie ich seit meiner Teenagerzeit mit der Musik arbeite.

An einem Punkt wurde ich dann besessen von all der Elektronik. Ich entdeckte DJ Food, Aphex Twin, Mille Plateaux, die ersten Sachen die Jeff Mills herausbrachte und ganz viel andere verrückte Variationen von elektronischer Musik. Dann etwas später habe ich Disco und Funk entdeckt, welcher für House gesampelt wurde während der Filter-French-Funk-Wave. Natürlich auch die Musik aus Chicago und Detroit mit den Samples und den geraden Drumcomputer Beat.

Wunderbare Sachen, die du da aufzählst!

San Proper: All dies kam dann zusammen und ist nun das, was die Leute mit dem San Proper Sound in Verbindung bringen. In Amsterdam selbst wurde ich über Jahre bespuckt und angepisst, seit 10 Jahren jedoch bekomme ich Respekt von den Menschen in Holland. Und seit ich Platten veröffentliche bei Rush Hour, das Recordlabel Slash (/) Record Store, bekomme ich auch auf internatinaler Ebene Respekt.

So kam es auch, dass ich nun die Welt bereise. Von Tokyo nach Rio de Janeiro. Von London, Paris über Berlin zurück nach Amsterdam. Viele Gigs in Italien, Frankreich und Deutschland. Ich versuche es zwar immer möglichst nahe an meiner Heimat zu halten, doch es kamen auch die Staaten, Süd Amerika, Asien und Australien dazu. Die Gigs verteilen sich auf der ganzen Welt. Das alles nur, weil sie diesen frechen live Sound lieben, den ich ihnen bringe.

Ich liebe es Tracks zu produzieren, bei denen ich elektronische und Live Elemente zusammen verschmelze. Zum Beispiel meine Stimme, mein Gitarren- und Bassspiel, Liveperkussion und Schlagzeug kombiniert mit den Junos, dem 808 und dem 909. All dies steckt darin. Elektronische Elemente mit Akustik zu fusionieren ist wie Livespielen. Ich bin einfach glücklich, da ich über Jahre kämpfen musste und meine Faust hochgehalten habe, um das was ich tue aufrecht zu halten und die Leute es nun beginnen zu akzeptieren.

Man kann sagen, du bist ein richtiges Stehaufmännchen. Wenn du mal fällst, stehst du einfach wieder auf...

San Proper: Mhm... Ich krieche auch noch, wenn sie mir ins Bein schneiden. Ich mache weiter.

So gehst du einfach deinen Weg und zeigst es so den Leuten...

San Proper: Weisst du, ich bin mit der Liebe zu den Coasters und Howling Wolf aufgewachsen. Auch sie mussten kämpfen. Sie sagten mir, wie ich es tun musste. Es tut mir leid, wenn ich dass so sage, aber das ist, wie ich funktioniere.

Das ist auch genau der Weg, den man gehen muss! Du solltest nie darauf hören, was andere Leute dir versuchen einzureden. Du gehst einfach deinen eigenen Weg.

San Proper: Ich muss zugeben, dass dies auch seinen Preis hat, denn viele meiner Beziehungen schlugen mir ins Gesicht wegen meiner Sturheit. Mit einem sturen Kopf durchs Leben zu gehen ist nicht der beste Weg.

Natürlich ist es nicht das Beste, aber das wichtigste ist, dass, wenn du in den Spiegel schaust und sagen kannst: Das ist mein Weg und ich hab es geschafft!

San Proper: Genau!

(Wollte gerade etwas sagen, doch San Proper wusste die Frage bereits und fuhr fort..)

San Proper: Und dabei versuche ich gar nicht mehr rebellisch zu sein. Es ist einfach meine Natur. Wenn man will, dass ich Nein sage, will ich Ja sagen. Wenn man will, dass ich Ja sage, will ich Nein sagen. Es ist nicht der beste Weg, doch so bin ich eben und deshalb muss ich einen Schritt zurückmachen und es akzeptieren. Ich zerstörte sehr sehr viele Beziehungen wegen dieser Einstellung aber in der Regel versuche ich mich glücklich zu halten.

Das ist das Wichtigste.

San Proper: Komischerweise, ja.

Noch zu etwas anderem.. du bist auch Produzent…

San Proper: Ja ich bin Produzent aber auch DJ und im Moment bringe ich beides unter einen Hut. Einige sagen: „Ah du bist Produzent, dann bist du möglicherweise weniger DJ“, oder „Ah du bist DJ, dann bist du weniger Produzent.“ So funktioniert das aber nicht bei mir.

Was ist dein liebstes Stück, dass du gemacht hast? ..hast du eines?

San Proper: Ich halte nicht viel von Sport. Ich habe aber versucht da rein zu kommen und habe angefangen mit Tai Chi. Zudem nehme ich grade ein Video auf, wo ich einen Boxer spiele. Mir gefällt Boxen sehr, Schatten Boxen, Kung-Fu, Samurais und der Tai-Chi Schwertkampf. Aber ich bin total unerfahren und auch nicht so begabt, weil.. nun ja.. ich liebe es zu trinken. (Beide lachen). Es scheint wirklich so, als dies meine Sportkarriere sabotiert. Es braucht nämlich viel dafür und ich denke Sport, und auch anderes, wie handwerkliches Können, ist wie Kunst. Wenn ich mit jemandem zusammen produziere im Studio, ich mache sehr viele Kollaborationen, habe ich immer ein Tupperware mit Essen dabei, weil ich denke, dass Essen und Musik gut miteinander funktionieren.

Dem kann ich nur zustimmen.

San Proper: Und Malen und Musik passt sehr gut zusammen und so weiter. Entschuldige mich kurz eine Sekunde...

(Das Telefon von San klingelt.)

San Proper: Ey Antal der König der Könige von Rush Hour wo bist du gerade?

(Das Gespräch geht dann auf Holländisch weiter und nach zwei Sätzen beendet er das Telefonat.)

San Proper: Wir müssen uns etwas beeilen. Das war gerade Antal von Rush Hour der grosse Kahona, der Kingpin von Rush Hour und er ist im Auto mit seinen Mädchen.

Er wartet auf dich?

San Proper: Ja, zusammen mit seinen Kleinen, mit seinen Kindern.

Nur noch eine Frage von meiner Seite. Wenn du ein Festival organisieren könntest, wie würde das Line-up aussehen?

San Proper: Einen Moment schnell! Lass mich zuerst die letzte Frage beantworten. Die Frage war welches mein Lieblings Blabidibla... und was ich gerade sagen wollte: es ist kein Wettkampf, kein Spiel. Es ist kein Sport. Deshalb brachte ich das mit dem Sport ein. Jedoch denke ich, dass ich jeden Ort schätzen kann, an dem ich schon gespielt habe, jede Organisation und jedes Label! Ich weiss, wie ich etwas angehen oder anerkennen muss, ohne etwas zu vergleichen. Weisst du, was ich meine?

Ja ich verstehe, was du meinst…

San Proper: Das Gleiche gilt für meinen Lieblingstrack, Lieblingsklub, mein Lieblingsland und meine Lieblingsstadt. Ist doch alles Scheisse! Die eine Stadt ist schön aus dieser Perspektive und diese Stadt ist schön aus einer andern. Zürich, Lausanne und Genf, ich liebe diese Städte und sie sind die Schweiz für mich. Wir müssen uns nicht entscheiden. Ich bin Jude, Buddhist, Muslim und ich liebe auch Jesus, aber das ist nur, weil ich denke, dass ich er bin.

Also siehst du keine Grenzen?

San Proper: Ich will die Grenzen nicht sehen…

Also wenn da keine Grenzen sind…

San Proper: Die Grenzen sind die hässliche Seite jedes Aspektes, von jedem Land, jeder Stadt, jeder Regierung und den Menschen. Es gibt so viele hässliche Dinge in jeder Geschichte, auch zu meiner Persönlichkeit gibt es eine hässliche Seite, aber ich will das nicht nochmals auslegen. Es geht darum, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Ausser du bist ein scheiss Vergewaltiger, Pädophiler oder ein Terrorist (was zwar manchmal bisschen okay ist, wenn du dich auf das Gute fokussierst). Bleib positiv, motivier andere und bau sie auf, statt sie runterzumachen. Es ist Yin Yang.

Genau, Ying Yang. So noch eine letzte Frage…

San Proper: Ich habe die Letzte noch nicht beantwortet oder?

Doch ich denke schon. Du hast gesagt, dass es für dich keine Grenzen gibt und alles gut ist auf der einen Seite und schlecht auf der anderen.

San Proper: Also gut. Noch eine und dann hole ich mir einen Drink und mache mich auf, ein paar schöne Stunden mit den Kids zu verbringen.

Perfekt. So zurück zur Festivalfrage. Wie würde dein Line-up aussehen?

San Proper: Ich würde es den Dekamntel Jungs überlassen. Weil sie im Moment das beste Festival in Europa durchführen. Sie beweisen wie klein und intim du ein Festival gestalten kannst, und das mit ein paar wenigen Bühnen. Sie beweisen, dass du ein Festival mit nur guten Künstlern haben kannst und sie zeigen uns, wie man auf einem Festival ohne dreckige Fritten und billiges Fleisch auskommt. Auch wird das Gelände die ganze Zeit sauber gehalten. Nur vegetarisches Essen. Nur gute Künstler. Die Örtlichkeiten sind perfekt, sehr solide! Nicht zu viele Bühnen, gutes Essen und gute Leute. Ich habe auch Partys und Klubnächte veranstaltet aber ich habe gemerkt, dass jeder sich selbst der Nächste ist.

(Er spricht wieder mit Antal am Telefon, jedoch scheint Antal ihn nicht hören zu können.)

San Proper: So noch eine kurze Frage, bevor ich gehen muss.

Wenn jemand nach Amsterdam kommt. Was müssen sie unbedingt besuchen?

San Proper: Den Ort, den man hätte besuchen müssen, war gerade hier über die Strasse. Trouw. Es ist aber vorbei. Jetzt haben wir viele Locations, welche versuchen dieses Gefühl wieder aufleben zu lassen. Sie haben gelernt und sich angepasst, aber es bleibt anders. Niemand kann es so machen, wie es hier über die Strasse passierte. Mein Vorschlag für die Schweizer, welche ihr Taschengeld zusammenkratzen und nach Amsterdam kommen, ist, dass sie dieses Hotel wählen. Es ist funky und billig. Und sie müssen unbedingt ins Studio80 an die ProperCult kommen, das ist meine Labelnacht.*

Ich bedanke mich ganz herzlich! Es war schön dich zu treffen!

San Proper: Ebenso mein Freund!

*Leider schloss in der Zwischenzeit das Studio80 in Amsterdam seine Türen. (Wir hoffen aber, dass San eine neue Bleibe für seine ProperCult Nacht finden kann..)


Das Interview wurde geführt zusammen mit Antonio G. im Volkshotel in Amsterdam. Herzlichen Dank für deinen Einsatz! Die Fotos wurden gemacht von Gerhard Taatgen jr. in Groningen, Holland im Paradigm Klub.

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