Platten-Review: Juli 15
Review: Hamam House 1

Musik hat meine Nachbarschaft zerstört

Ich mache da seit geraumer Zeit ein kleines soziales Experiment. Wann immer ich Menschen aus der Nachbarschaft begegne, versuche ich möglichst höflich zu sein.

„Guten Morgen Frau Keller! Guten Abend Herr Freitag!“

Es dauert ein Weilchen, bis die Leute einem zurück grüssen. Doch wer Geduld hat, der wird beobachten können, dass vor allem Senioren zu einem kleinen Schwatz bereit sind. Und ihr werdet erstaunt sein, was man von älteren Leuten während eines dreiminütigen Gesprächs im Treppenhaus alles lernen kann. Solange es aber dauert, bis eine gute Nachbarschaft aufgebaut ist, so schnell kann sie auch kaputt gehen.

So passierte es mit der nachbarschaftlichen Beziehung zwischen dem neu zugezogenem Martin und mir. Schuld daran war eine Musik-App auf meinem alten Handy, die eigentlich für ihren Zweck hervorragend funktionierte, aber einen kleinen Softwarefehler enthielt: Immer wenn das Gerät in der Dockingstation zum Musikhören angeschlossen war und ich auf Pause drückte, setzte sich die Wiedergabe nach 5 Minuten komischerweise von selbst fort.

Eines Samstagabends machte ich mich bereit fürs Clubben. Da ist laute Mucke zum Stimmungsaufbau selbstverständlich. Zwar war ein House Club für diesen Freitag geplant, ich griff dann aber trotzdem zu paar rockig alternativen Songs, weil ich mich gerade danach fühlte. Singend vergass ich völlig die Zeit und ging fast zu spät aus der Tür. Hastig stoppte ich die Musik in der App mit einem kurzen Tippen auf die Pause-Taste. Dabei vergass ich, dass die Musik wegen des Softwarefehlers nach 5 Minuten weiterspielen würde. In dieser Weise kam es, dass nach meinem Verlassen der Wohnung um 10 Uhr die Musik bis 12 spielte – und das bei gleicher Lautstärke wie vorhin.

An dieser Nacht kam ich erst in frühen Morgenstunden wieder nach Hause. Glücklicherweise war mein Bruder vor Mitternacht zurück und konnte die Musik endgültig stoppen. Er fand an der Wohnungstür einen Zettel meines Nachbars Martin:

Ja, es ist eine Frechheit. Und weil ich nicht heiss auf einen Nachbarschaftsstreit mit Martin dem Polizisten bin, habe ich entschlossen, meine Konfliktlösungskompetenz einzusetzen. Sonntagmorgen bin ich mit dem Fahrrad schnell zur Tanke, kaufte zwei billige Muffins, packte sie aus, platzierte sie auf einen kleinen Teller und versuchte diese als selbst gemachte kleine Aufmerksamkeit zur Entschuldigung an Martin zu übergeben. Ich klingelte an der Tür, er öffnete und es schien, als hätte Martin mehr Angst von mir, als ich von ihm. Dankend nahm er meine gefaketen hausgemachten Billigmuffins von der Tanke entgegen und wiederholte gefühlte 100 Mal, dass der Ausrutscher mit der zu lauten Musik kein Problem sei:

„Das kann jedem Mal passieren!“

Wo er recht hat, hat er recht. Das nächste Mal, wenn es mit der Lautstärke etwas ausufert, habe ich für wütende Nachbarn ein Ass im Ärmel: Nachträglich entschuldigen, tiefstes Bedauern zeigen, Muffins von der Tanke und ganz wichtig; Reue zeigen.

Das war übrigens die „Musik“, die Martin hysterisch werden liess.

P.

Kommentare