Für dich freigegeben: Music For Brass EP
Sonntags Blues #9

Fake DJing, Tattoo Choker und Dosenbier

Dieses Wochenende wurde ich von einem Kumpel eingeladen, an einer Geburtstagsparty seines Freundes zu spielen. Zuerst hatte ich ihn davor gewarnt, dass ich als DJ eine absolute Null bin und fast jeden Übergang verkacke. Ausserdem bin ich zu faul um Equipment und Schallplatten rumzufahren. Wir einigten uns darauf, dass ich zwei Playlists erstelle: eine mit House zum Relaxen und eine mit ein bisschen deftigerem Poprock, falls die Party richtig Schwung bekommen sollte. Beide Playlists enthielten je 150 Songs und geplant war, dass mein Kumpel diese in seinem iTunes importiert und auf Shuffle abspielt. So konnte ich die Party geniessen und für gute Musik war natürlich garantiert ;)

Dort angekommen verschaffte ich mir einen kurzen Überblick durch die Masse. Ein Haufen Hipstertussies unterhielten sich über Adidas Superstars und wie „overrated“ die jetzt sind. Daneben ein halbes Dutzend johlende Männer mit Beerpong beschäftigt. Niemand schien interessant zu sein, aber wenigstens spielte meine Musik.

Im Verlauf vom Abend kam dann ein Typ, der sich mit dem Namen Jules vorstellte. Und Jules konnte hässlicher nicht sein. Er schaute aus wie Xavier de Rosnay von Justice, hatte aber einen Bartflaum, wie ihn früh pubertierende Jugendliche tragen, die sie sich aus Scham nicht rasieren möchten. Ausserdem waren seine Kleider Zeugnis einer heftigen Geschmacksschwäche. Komischerweise konnte ich meinen Blick von ihm nicht abwenden... er wirkte fast schon wie ein Magnet auf mich.

Ich setzte mich mit Amanda ein bisschen abseits, schlürfte Dosenbier und beobachtete Jules, wie er sich an das DJ-Pult ranmachte. Er baute sein Notebook auf, klickte sporadisch daran rum und wechselte hie und da seinen Blick auf den Bildschirm. Das ganze Spiel ging etwa eine halbe Stunde lang so, während meine Musikauswahl weiterhin auf Shuffle spielte. Zuerst Deep Future, dann Genius of Time, Frits Wentink und Tomas Malo. In dieser halben Stunde fuchtelte Jules mit den Händen rum, zeigte nickend mit dem Zeigefinger auf sein Notebook, bewegte seine knochigen Hüften zum Rhythmus und schien die Aufmerksamkeit zu geniessen, die er von den zur Musik tanzenden Hipstertussies erhielt.

„Mega geili Musig!“

Ja mega geil! Da rühmt sich einer zu meiner Playlist! Gibt es eigentlich ein schlimmeres Verbrechen? Am liebsten wollte ich Ugly Jules mit seinem fake DJing zu meiner Belustigung blossstellen, lehnte mich aber zurück und genoss stoisch die Szenerie.

Jules war übrigens nicht das Highlight des Abends. Am meisten amüsierte ich mich über das Geburtstagskind, welches sehr viel Freude an meinem Geschenk hatte. Mein Geschenk an ihm: ein Tattoo Choker :) Tattoo Choker sind diese Dinger, die man um den Hals trägt und jetzt (wieder) bei 14 jährigen Mädchen voll in sind. Man stelle sich vor, ein drahtiger Typ mit kindlichem Gesicht, lange weisse Haare à la Andy Warhol und ein Tattoo Choker um den Hals…

Gegen Mitternacht steckte Jules das Notebook mit meiner Playlist von den Lautsprechern und spielte ab seinem Laptop Goa. Höchste Zeit für mich heimlich abzuhauen.

Guten Start in die neue Woche!

Gruss,

P.

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