Mehr als die Freundin des DJs sein

DJ Zunami, Kraftfeld Von Deborah Dhanapal am

Frauen kommen zu wenig in den Kontakt mit der Technik des Auflegens. Dies will die Winterthurer DJ Zunami ändern und bietet einen Workshop an, der Frauen die Technik näher bringen soll.

Dabei ist es für viele der erste Kontakt mit einer DJ-Booth. Darüberhinaus wird in geschlossener Runde über den rätselhaften Fakt, warum den bloss 15% aller DJs weiblich sind, diskutiert.

Céline Hafner mit der Winterthurer DJ Zunami am DJ Workshop im Kraftfeld

Céline Hafner, eine engagierte junge Frau, hat sich dieser Problematik angenommen und versucht in ihrer Abschlussarbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften diesen Fakten auf den Grund zu gehen.

Warum sind Frauen in der Szene eine Seltenheit?

Diese Frage wird nicht nur in der elektronischen Musikszene debattiert, sondern schlägt seine Wurzeln auch in anderen Gebieten, wie beispielsweise in oberen Führungspositionen in der Wirtschaft, wo der Frauenanteil erst kürzlich von 8 auf 7% sank. Gleichzeitig sind aber auch Männer in der Kinderbetreuung oder anderen sozialen Berufen immer noch eine Seltenheit. Woher kommt dieses «Gender-Ungleichgewicht» in unserer Gesellschaft?

Céline Hafner beantwortet diese Frage in ihrer Arbeit mit einer Analyse der geschlechtsspezifischen Sozialisation. Eine amerikanische Studie zeigte, dass Knaben verhältnismässig mehr Spielsachen mit einem technischen Hintergrund bekommen würden, während bei Mädchen schon früh der Anerkennungswert anderer Menschen im Fokus liegt. Die Studie besagt, dass Mädchen dadurch wenig technikaffin erzogen werden, was später ein Hindernis in der DJ-Booth darstellen kann.

Darauf erwidert die Winterthurer DJ Zunami nachdenklich, dass sie in ihrer Kindheit tatsächlich oft in der Werkstatt ihres Vaters experimentieren durfte. Ob dies nun ein überzeugender Grund für die Untervertretung darstellt? Die Ergebnisse der Studie würden sich ja auch schlecht falsifizieren lassen, können jedoch durchaus ein Grund für das Ungleichgewicht darstellen. Des Weiteren kommt es auch immer auf die Entwicklung des Individuums drauf an und wie das Umfeld dieses in der Musik fördert. Während des Workshops werden wir uns einig, dass vor allem die Liebe zur Musik das Grundgerüst für jeden Erfolg an der DJ-Booth darstellt.  

Das richtige Umfeld macht's aus

Ein wichtiger Aspekt in der Entwicklungsphase im Leben spielt das richtige Umfeld. Die geschlechtsspezifische Sozialisation legt dabei ihren Forschungsschwerpunkt auf die ersten Jahre des Lebens einer Frau und leitet daraus entscheidende Unterschiede in den Geschlechterrollen ab.

In der Diskussion am DJ-Workshop in Winterthur kamen die Teilnehmer jedoch auch zum Entschluss, dass das Umfeld eine wichtige Rolle spielt. Viele weibliche Zürcher DJs betonen, dass zwei Merkmale wichtig sind für eine erfolgreiche Musikkarriere: Zum einen braucht es das richtige Umfeld, zum anderen ist es ganz einfach die Liebe zur Musik.

Das richtige Umfeld bringt Frauen in den Kontakt mit der Kunst des Auflegens und fördert bewusst Talente. Dabei kommt es nicht selten vor, dass Frauen sich weniger trauen eine neue Technik auszuprobieren und sich dann eher kritisch der Idee gegenüberstellen vor Publikum aufzutreten.

Auch im Workshop standen die Teilnehmerinnen der neuen Technik eher skeptisch gegenüber und scheuten sich zu Beginn die neue Technik vor allen anderen auszuprobieren, denn niemand möchte vor Publikum scheitern. Jedoch machte es Zunami den Teilnehmerinnen einfach, da sie ihr Fachwissen gezielt einsetzte und den Teilnehmenden mit wertvollen Tipps bereicherte. Dieses Umfeld ermöglichte es einen ersten Kontakt zum Equipment herzustellen, und die Beteiligten darauf aufmerksam zu machen was die DJ oder der DJ im Club genau macht, während sie getanzt und die Musik genossen wird.

Der harte Weg zum Erfolg

Sind aber einmal Barrieren zum Kontakt mit der Technik überwunden worden, wird in der elektronischen Musikszene jedoch häufig über den Vorteil von Frauen gemunkelt. DJ Konstantin beklagte sich im Berliner Groove Magazin über die Ungerechtigkeit, dass weibliche DJs zur Zeit so gefördert werden, obwohl sie seiner Meinung nach meist schlechter auflegen würden als Männer.

Seiner Logik zufolge sei es für die wenigen Frauen, die sich für das Auflegen interessieren, wesentlich einfacher Erfolg zu haben. Der Mann hingegen besässe von Natur aus ein Gefühl nach Machtstreben und Geltungsbedürfnis. Doch die ganze Sache ist nicht so einfach. Weitere DJ's beteuern, dass Gigs oft hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden und dies in den Netzwerken von Männern, was den Erfolg wie es DJ Konstantin darstellt doch nicht so einfach macht.

Fakt ist jedoch, dass es für beide Geschlechter Hürden gibt, geht es um den Erfolg in der elektronischen Musikwelt. Was DJ Konstantin aber vergisst, sind die Fakten, dass Frauen oftmals gar nicht erst mit dem Auflegen in Berührung kommen und es in einer männerdominierten Szene schwierig ist für seine künstlerische Werke ernst genommen und in die Szene eingegliedert zu werden.

Was können wir konkret tun?

Wie öfters in der Gender-Debatte hat sich gezeigt, dass ein klarer Dialog zwischen den Geschlechtern nötig ist, um einander auf die Problematik zu sensibilisieren. Oftmals wird das andere Geschlecht an den Pranger gestellt und keine klaren Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt.

Tipps von DJ Zunami: Die Liste hilft sich mit der Materie vertraut zu machen.

Dabei geht es darum, dass gerade Männer in der Szene Frauen den Zutritt zu Netzwerken verschaffen und ihre Talente erkennen und fördern können und vor allem sollen. Einigkeit herrscht im Diskurs, dass die fähigste Person den Gig bekommen sollte und dies aufgrund ihres Talentes und nicht ihres Geschlechtes.

Zudem bietet die Online-Plattform Female Pressure DJs aus der ganzen Welt die Möglichkeit zum Aufbau eines Netzwerkes. Ein Netzwerk bestehend aus Promotern, Producern und DJs. Der Aufbau eines solches Netzwerkes stellt meist eine weitere Barriere dar, was jedoch unentbehrlich ist für einen Erfolg in der Szene. Jedoch sei es noch schwieriger einen Raum zu schaffen, wo Frauen überhaupt in den Kontakt mit den richtigen Leuten kommen und auch Rollenbilder wahrnehmen können.

Damit kommen wir zu einem weiteren wichtigen Punkt: Rollenbilder. Der Verein Les Belles de Nuit wurde zur Förderung von Frauen und Minderheiten in der elektronischen Clubkultur gegründet. Die Veranstalterinnen sind der Überzeugung, dass Frauen, die auf den Veranstaltungen eine aktive und präsente Rolle einnehmen, einen spill-over Effekt für neue Talente erzeugen können. Dafür übernehmen an den Events von Les Belles de Nuits nur Frauen verantwortungsvolle Aufgaben in der Planung und Durchführung von Events.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass Plattformen wie das Kraftfeld Winterthur, die Events von Les Belles de Nuit oder Female Pressure jungen Nachwuchstalenten einen Möglichkeitsraum zur persönlichen Entwicklung geben und dabei die geschlechtsspezifische Sozialisation zu eliminieren wagen. Diese Plattformen finden einen gemeinsamen Nenner, wenn es um die Kreation von Rollenbilder geht.

Diese sind unentbehrlich, um die elektronische Clubszene auf die aktive Rolle der Frau zu sensibilisieren. Das Ziel einer aktiven Förderung besteht darin die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen in der Booth eine Normalität und keine Seltenheit sein müssen. Frauen müssen weder die Freundinnen des DJs sein, noch im Club hübsch aussehen oder tanzen müssen. Sie können, dürfen und sollen selbst eine aktive Rolle in der elektronischen Musikszene leben und die Gesellschaft sollte dafür die nötigen Rahmenbedingungen schaffen.


Beitragsbild: Céline Hafner und DJ Zunami by Deborah Dhanapal