gefunden und für gut befunden! #3
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Der Traum vom Plattenladen

Samstagnachmittag, Zürich, oneʼs own room records, in der Nähe des Helvetiaplatzes, genauer an der Anwandstrasse 30, treffe ich mich mit Klemens Wempe und Anna Frei auf einen Kaffee. Es herrscht gerade mehr Betrieb im Laden, denn um 18:00 Uhr spielen None Of Them ein live Set. Es ist aber genug Zeit, um mir etwas über den Laden und die Idee dahinter erzählen zu lassen.

Ich erfahre, dass der OOR-Records als Genossenschaft organisiert ist, was bedeutet, dass die Gewinne direkt zur Erhaltung des Ladens, also für die Genossenschaft aufgewendet werden. Als Ergänzung gibt es Veranstaltungen, welche vereinsmässig organisiert sind. Das heisst, man kann da Mitglied werden und unterstützt und ermöglicht so mit seinem Beitrag die Durchführung von Konzerten, wie beispielsweise dieses heute Nachmittag von None Of Them.

Noch während dem Gespräch treffen die erwarteten Künstler ein und der Laden wird umgebaut. Schallplatten weichen Sampler, Drum Machines und Synthesizer werden an die richtige Stelle gerückt. Man könnte sich das jetzt ganz hektisch vorstellen, doch die Atmosphäre lässt das gar nicht zu. Ein Regal nach dem andern wird entfernt, bis genug Platz für die erwarteten Besucher da ist.

Was mir, und wahrscheinlich jedem, der in den Laden kommt, auffällt, ist, dass die Sortierung hier nicht wie üblich nach Genre gemacht wird. Das hat folgenden Grund: Die Fachsortierung entsteht im Dialog. Aus unterschiedlichen Ideen und Auffassungen werden die Platten den eigens kreierten Fächlein zugeordnet. So kann es sein, dass ein neues Fach für etwas nicht sortierbares entsteht, um auch diesem Stück einen Platz zu geben. So entstehen dann Fächer mit den Namen "dark, stormy'n' light waves" oder "feminist killjoy".

Der Raum, der der OOR Records beherbergt, war der frühere Standort des Sonic Records. Zum Glück ging der Raum nie aus der Hand, sodass bloss einige Telefonate nötig waren, um mit dem Projekt "Plattenladen" zu beginnen. Hier nur von einem Plattenladen zu sprechen wäre falsch, denn es ist mehr. Neben Konzerten bietet der Laden auch Platz für Bücher von Kunstbuch Verlagen. Der Verlag Edition Fink präsentiert sich im Bücherregal und stellt ebenfalls in wechselnd Abständen Werke von anderen Verlegern aus.

Auf die Frage, wie es weitergeht, was die Pläne für die Zukunft sind, antworteten die beiden, dass es in der eingeschlagenen Richtung weitergehen soll. Ziel ist es, den Dialog zur Musik zu finden und ihn zu unterstützen. Mit Diskussionen im Shop, an denen Künstler ihre Musik vorstellen können und so ihre Geschichte, ihre Beziehung zur Musik und ihre Gedanken dem Hörer direkt erzählen, können.

Die Zeit im Laden verging wie im Flug, so ist jetzt Zeit für den Soundcheck von None Of Them. Mir gefällt das Konzept und die Umsetzung: Der Verkauf von Vinyl im Laden kombiniert mit der Plattform für Konzerte, Lesungen und Gespräche. Das Projekt ist frisch und zeitgenössisch und spricht ein aufgeschlossenes Publikum an. Es wird die Musik und der persönliche Austausch dem Gewinn vorgezogen und hebt so die beständigen Werte hervor. Kultur als höchstes Gut. Die Gruppe mit Klemens Wempe und Anna Frei lebt den Traum vom eigenen Plattenladen - und das mitten in Zürich.

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